Madame Missou

Ein Feiertag zum Nachdenken

Heute, am 03.10., ist Tag der Deutschen Einheit. Alors, ein Freudentag, kein Zweifel, aber gerade in heutigen Zeiten sollten wir uns immer mal wieder in Erinnerung rufen, was genau wir da eigentlich feiern und ob es sich nicht lohnt, das einfach auch auf andere Situationen zu übertragen.

Bien sûr, ich weiß nicht, wie es dir geht, liebe Leserin, aber ich freue mich immer, wenn ein Feiertag vor der Tür steht. Obwohl ich mein Café an fast allen Feiertagen trotzdem geöffnet habe – es ist einfach eine ganz besondere Atmosphäre. Die Leute sind entspannt und kommen oft schon gegen Mittag vorbei, treffen sich mit Freunden und freuen sich über den „unerwartet“ freien Tag, und ich freue mich, wenn meine Gäste sich freuen. Aber oftmals frage ich mich auch, wie viele von ihnen überhaupt wissen, warum sie an dem betreffenden Tag nicht zur Arbeit oder in die Schule müssen. Mir ist das nämlich selbst oft nicht ganz klar. Wie zum Beispiel heute, am Tag der Deutschen Einheit. Was genau ist damals eigentlich passiert? Ich habe ein wenig recherchiert.

Ein neuer Nationalfeiertag wird geboren

Deutschland hatte als Land schon viele Gesichter – und dementsprechend auch viele Nationalfeiertage. Zum Beispiel gab es bereits vor der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 im damaligen Westdeutschland einen Feiertag, der auch „Tag der deutschen Einheit“ hieß, aber Attention: In diesem Fall mit kleinem „d“. Gedacht wurde mit dem Feiertag am 17. Juni dem Volksaufstand 1953 in der DDR. Damals hatten die Arbeiter gegen den immer schneller aufsteigenden Sozialismus und die damit einhergehenden Einschränkungen protestiert. Bis heute ist der 17. Juni Gedenktag, und in Berlin erinnert die berühmte „Straße des 17. Juni“ an die mutigen Bürger und ihre Forderungen.

Als 1989 dann endlich die verhasste Mauer fiel, die Deutschland bis dato in zwei Hälften geteilt hatte, wollte man zuerst das Naheliegendste tun: den Tag des Mauerfalls als neuen Nationalfeiertag festlegen. Das wäre allerdings der 9. November gewesen, und auf dieses Datum fällt bereits ein anderer wesentlich traurigerer Gedenktag, den wir niemals vergessen sollten: die Reichspogromnacht von 1938. Also einigte man sich darauf, den 3. Oktober des folgenden Jahres zu nehmen. Der Tag, an dem der Beitritt der DDR zur BRD wirksam wurde, ein neuer „Tag der Deutschen Einheit“, jetzt mit großem „D“.

Noch mehr Vielfalt, noch mehr Einheit, noch mehr Freude!

Endlich war also wieder zusammen, was zusammengehörte, und bis heute feiern wir das jedes Jahr Anfang Oktober. Das finde ich wunderbar. Und darüber hinaus denke ich, man sollte an diesem Tag insgeheim noch viel mehr feiern. Zum Beispiel nicht nur die Einheit, sondern auch die Vielfalt. Freundschaften zwischen zwei Menschen, zwei Ländern oder zwei Völkern. Die Welt rückt immer näher zusammen, aber oftmals habe ich das Gefühl, dass ich von den vielen verschiedenen Kulturen, die in Deutschland zu Hause sind, gar nicht genug mitbekomme. Dabei können wir doch so viel voneinander lernen.

Meine beste Freundin Fabienne und ich zum Beispiel sind gebürtige Französinnen. Jedes Jahr im Herbst laden wir ein paar unserer Freundinnen aus verschiedensten Ländern ein und veranstalten ein kleines „Perfektes Dinner“. Jede bringt dann etwas mit, das ein typisch-kulinarischer Genuss im eigenen Herkunftsland ist – ganz egal, ob es nur ein Wein oder ein aufwendiger Nachtisch ist. Am Ende gleicht es sich immer irgendwie aus.

Geht da noch mehr?

Diese Abende sind immer so interessant und wundervoll, dass mir der Gedanke gekommen ist, einfach noch mehr in diese Richtung zu probieren. Da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten: So oft es mir irgendwie möglich ist, versuche ich zum Beispiel, ein Restaurant aus einem Land zu besuchen, in dem ich noch nicht war und die typischen Speisen zu probieren. In vielen Städten gibt es auch Filmfestivals oder Kulturveranstaltungen, die sich auf eine Region oder ein Land konzentrieren. Zum Schluss stehen uns heute mit den beinahe unbegrenzten Möglichkeiten des Internets natürlich noch „Brief“freundschaften zu fast jedem Menschen auf der Welt offen. Wer es dabei eher altmodisch mit einem „Touch“ digital mag, kann sich auf diversen Plattformen anmelden, einen Freund aus einem beliebigen Land suchen und diesem dann echte Briefe auf echtem Briefpapier schreiben. Fantastique!

Alors, so wichtig es ist, die Einheit zu feiern, so wichtig ist es, sich an der Vielfalt zu erfreuen. Ich gehe jetzt mal los und suche mir ein neues Restaurant. Zur Feier des Tages nehme ich vielleicht heute einfach mal „gutbürgerlich“.