Madame Missou

Richtig streiten – auch mit der Familie

Feiertage: von vielen geliebt, von einigen gefürchtet. Denn obwohl wir frei haben, uns entspannen sollten und im Kreise der Liebsten schöne Stunden verbringen könnten, kommt es in solchen Momenten oft auch zu Reibereien. Was dann hilft, verrate ich dir heute.

Ausgerechnet an Weihnachten, dem Fest der Liebe, gibt es unter vielen Tannenbäumen besonders häufig und heftig Streit. Aber auch andere Feiertage können kritisch werden, wenn plötzlich die ganze Familie zusammengewürfelt wird und verschiedene Ansichten, Vorlieben oder auch nur Tagesabläufe aufeinanderprallen. Das musste ich in dieser Woche bereits am eigenen Leib erfahren. Da am Sonntag der französische Nationalfeiertag ist, bin ich seit Montag wieder zu Hause in Frankreich. Und am Dienstag hat es prompt geknallt – leider nicht nur die Sektkorken.

Wie schön, dass wir zusammen sind?

Warum kommt es überhaupt so oft zu Reibereien, wenn die Familie vereint ist, wo das doch eigentlich ein freudiger Anlass ist? In vielen Fällen ist es einfach so, dass kleine Brandherde, die schon lange vor sich hin schwelen, an Feiertagen neuen Zunder bekommen. Ein unbedachtes Wort hier, eine Meinungsäußerung da und schon gerät die Flamme außer Kontrolle. Klar, es ist natürlich einfacher, die Wut auf ein anderes Familienmitglied zu unterdrücken, wenn man 1.000 Kilometer voneinander entfernt ist. Noch dazu wirkt Alkohol, der gerade an Feiertagen gerne fließt, wie zusätzlicher Zündstoff. Eine Eskalation der Situation muss auch nicht immer etwas Schlimmes sein. Ganz im Gegenteil, wenn frau es richtig anpackt, kann sie die klärende Wirkung eines lang ersehnten Sommergewitters haben.

Sprich über dich!

Richtig gelesen! In Streitsituationen ist es wichtig, dass du vor allem Ich-Botschaften sendest und mit „Du“- oder „Wir“-Aussagen ein wenig zurückhaltender bist. So teilst du den anderen etwas über dich und deine Gefühle in der betreffenden Situation mit, statt Vorwürfe zu verteilen oder zu verallgemeinern. Gleichzeitig ist es deinem Gegenüber fast unmöglich, eine Ich-Botschaft als direkten Angriff zu verstehen – oder auch nur großartig dagegen an zu argumentieren. Du legst ja lediglich deine ganz persönliche Sicht der Dinge dar. Ein Beispiel: Statt beim nächsten Familienstreit zu sagen: „Du rufst ja auch nie an!“, versuch es einmal mit: „Ich würde auch gerne häufiger mit dir telefonieren, aber manchmal finde ich nicht die Zeit, um bei dir anzurufen.“ Wirkt direkt viel versöhnlicher, oder?

Sei wie ein guter Richter: Spring nicht direkt zum Urteil!

Das ist etwas, das ich auch bei meinem ganz persönlichen Familienstreit gestern bemerkt habe: Sehr oft springen wir direkt zu Verurteilungen, Vergleichen und moralischen Vorwürfen. Meine Cousine sagte gestern zum Beispiel sinngemäß zu mir: „Warum kannst du nicht einmal bei der Vorbereitung des Abendessens helfen? Das mach ich doch auch, so schwer ist das wirklich nicht!“ Dass ich jeden Tag das Frühstück vorbereite, hat sie in diesem Moment verdrängt – vielleicht war es ihr auch gar nicht bewusst. Was sich hier als Frage tarnt, ist eigentlich schon ein handfester Vorwurf – bis zur Eskalation fehlt nicht mehr viel.

Auch hier hilft es, einmal durchzuatmen und dann aus der Ich-Perspektive zu antworten. Aber Vorsicht: Nicht „Ich mach doch jeden Tag Frühstück, du blöde Kuh!“. Da wäre Hopfen und Malz verloren. Geh stattdessen auf die Gefühls- und Selbstoffenbarungsebene. Was sagt die Aussage meiner Cousine eigentlich aus? Ich habe so geantwortet: „Ich habe das Gefühl, du fühlst dich ungerecht behandelt. Hattest du heute Abend vielleicht andere Pläne? Kann ich dir in diesem speziellen Fall helfen?“ Es stellte sich heraus, dass meine Cousine eigentlich verabredet war und aufgrund ihrer Haushaltsaufgaben absagen musste. Am Ende habe ich für sie das Abendessen gemacht und konnte dafür heute Morgen ausschlafen Win-win!

Alors, ich weiß, es ist schwer, gerade in hitzigen Situationen, aber mit ein wenig Empathie und einem offenen Ohr, das über das Gesagte hinaus hört, lassen sich einige Situationen ganz schnell entschärfen. Auf fröhliche Feiertage!